Latrinen

Beim Latrinenbau ist auf verschiedene Aspekte Rücksicht zu nehmen:

Soziokulturelle Aspekte:

  • Wie sind die traditionellen Gewohnheiten der Menschen?
  • Wie reinigen sich die Menschen?
  • Welche kulturellen, sozialen oder religiösen Bräuche könnten einen Einfluss auf den Latrinenbau haben?
  • Besteht eine Trennung nach Geschlechtern?
  • Müssen die Latrinen aus religiösen Gründen in eine bestimmte Richtung gebaut werden?
  • Gibt es Plätze die Tabu sind?

Bauliche Aspekte:

  • Wie hoch ist der Grundwasserspiegel? Ändert er sich im Laufe der Jahreszeiten?
  • Werden volle Latrinen geleert oder muss man neue bauen?
  • Wie ist die Bodenbeschaffenheit des Lagers (Typ Erde, wohin fliesst das Wasser im Regenfall, wann ist Regenzeit, wo kann Reinigungswasser beschafft werden)?
  • Wie viel Platz ist vorhanden, was für Baumaterial habe ich zu Verfügung?
  • Wie kann ich die Privatsphäre schützen?

Latrinen sollten immer bergabwärts mindestens 30m von einem Grundwasserentnahmepunkt (z.B. Sodbrunnen) gebaut werden. Der Mindestabstand zu Behausungen sollte minimal 5 Meter, maximal 50 Meter betragen.

LATRINEN-TYPEN

 

Grabenlatrinen

Die Grabenlatrine gilt als eine Notmaßnahme bei der Errichtung eines Flüchtlingslagers. Die Grabenlatrine sollte schnellstmöglich durch hygienischere Latrinentypen ersetzt werden.

 

1. Zaun
2. Wasserbehälter mit Hahn und Seife
3. Steine und Abwasserableitung
4. Sichtgeschützter Eingang
5. Bretter
6. Graben (Breite 30cm, Tiefe 90cm bis 150cm)
7. Erde zum Zudecken von Exkrementen

Die nicht ventilierte Gruben-Latrine

Sie ist der einfachste Latrinen-Typ. Sie ist nicht mehr, als eine Exkrementen-Grube mit einem kleinen Latrinen-Häuschen darüber. Es gibt sie in allen Größen und Variationen. Bei manchen dieser Latrinen-Typen sind die Gruben leerbar, bei den meisten jedoch nicht und das Latrinen-Häuschen „wandert“, bei Erschöpfung der Grubenkapazität, einfach mit zu einer neu auszuhebenden Grube. Dieser Latrinen-Typ hat erhebliche Nachteile, die bei weitem die Vorteile der Einfachheit und der günstigen Herstellungskosten überdecken. Die gravierendsten sind die extreme Geruchsentfaltung innerhalb und in unmittelbarer Nähe der Latrine sowie der dadurch bedingte Anzug von Fliegen in das Latrinen-Haus. Dieser Typ ist nach WHO-Erfahrungen nicht empfehlenswert und sollte nur in absoluten Notfällen temporär errichtet werden. Er findet darüberhinaus auch praktisch kaum Akzeptanz.

 

1. Effektives Latrinenvolumen
2. Loch
3. Latrinendeckel (aus Holz oder Beton)
4. Lochdeckel aus Holz
5. Kabine
6. Dach
7. Grundmauer
8. Abwasserkanal
9. Wasserspiegel
10. Beispiel eines Betondeckels
11. Beispiel eines Holzdeckels

 

 

 

 

Die ventilierte Gruben-Latrine

Sie ist die weltweit am häufigsten eingesetzte und am meisten akzeptierte Latrinenart. Ihr liegt ein sehr einfacher aber hochgradig wirksamer Konstruktionsgedanke zugrunde, der Luftzirkulation und die Abwehr von Fliegen gleichzeitig ermöglicht.Wie bei der nicht ventilierten Gruben-Latrine fallen auch bei der ventilierten Variante die Exkremente in eine Grube unter dem Latrinen-Häuschen. Diese Grube verfügt allerdings über eine Entlüftung in Form eines langen Rohres, zumeist an der Rückseite des Latrinen-Häuschens, das unten direkt auf der Grubendeckelung verankert ist und oben, mit einem Fliegengitter ausgestattet, das Häuschen in der Höhe überragt. Über das Entlüftungsrohr dringen entstehende Gerüche nach außen, ins Freie. Diese ziehen sofort Fliegen an, die sich nunmehr am Kopfende des Entlüftungsrohres sammeln, an der vermeintlichen Geruchsquelle. Dort aber werden die Fliegen durch das Fliegengitter am Eindringen gehindert. Jene Fliegen, die doch ins innere der Latrine gelangen, folgen sofort dem Geruch und sammeln sich zunächst in der Grube bei den Exkrementen. Um wiederum aus dieser zu gelangen folgen sie dem Licht, das aber einzig vom Kopfende des Entlüftungsrohres aus in die Grube fällt. Exakt dorthin bewegen sich die Fliegen, werden aber vom Fliegengitter - nunmehr von der anderen Seite - an einem Austritt gehindert. So gelingt es mit dieser sehr einfachen und preiswerten Konstruktionsweise der ventilierten Gruben-Latrine die zwei Hauptprobleme von Aborten in den Griff zu kriegen: Die Geruchs- und die Fliegenbelästigung.

 

1. Effektives Latrinenvolumen
2. Loch
3. Latrinedeckel aus Beton
4. Es wird kein Deckel benötigt
5. Kabine
6. Dach
7. Ventilationsrohr (Durchmesser mindestens 15 cm)
8. Fliegengitter
9. Abwasserrinne
10. Wasserspiegel

 

 

 

Die Latrine mit Wasserspülung

Die Latrine mit Wasserspülung gleicht vom Grundaufbau her der nicht ventilierten Gruben-Latrine, wobei die Exkremente allerdings nicht einfach in eine Grube fallen, sondern z.B. mittels eines Eimers Wasser vom Benutzer durch ein U-Rohr gespült werden - das durch seine automatische und permanente kleine Wassersperre die Geruchs- und Fliegenbelästigungen unterbindet - und erst dann in eine Grube fallen. Es gibt die verschiedensten Versionen. Latrinen mit der Exkrementen-Grube direkt unter dem Latrinen-Häuschen oder aber solche mit einer Rohrleitung zu einer etwas entfernter liegenden Grube. Die Rohrleitungen müssen unbedingt eine Entlüftung haben.
Dieser Latrinen-Typ findet oft dort Anwendung, wo aufgrund kultureller Gewohnheiten Wasser zur Analreinigung nach jeder Notdurft benutzt wird oder aber im unmittelbaren Umfeld z.B. von Anlagen mit hohem Hygieneanspruch, wie Hospitälern etc.

Gruben-Konstruktion und Bodenbeschaffenheit

Die Grubenkonstruktion (Stabilisierung der Grubenwände etc.) richtet sich grund
sätzlich zwar nach der Bodenbeschaffenheit, die WHO empfiehlt aber, die GrubenWände und den Gruben-Boden möglichst immer zu stabilisieren, z. B. mit ZementSteinen, gebrannten Ton-Ziegeln etc. Weiter wird empfohlen, die Gruben-Mauern nur im ersten halben Meter unterhalb der Erdoberfläche komplett zu vermörteln und darunter nur noch die Horizontalstöße, um Versickerungsmöglichkeiten des Grubeninhalts durch die Vertikalstöße zu ermöglichen. Wenn die umliegenden Bodenschichten aus feinem Sand bestehen, die ein Einsickern des Sandes durch die nicht vermörtelten Vertikalstöße ermöglichen würden, empfiehlt die WHO eine Kiesverfüllung (ca. 10 cm breit) zwischen die Grubenmauern und die sie umgebenden Sandschichten einzubringen. Bei felsigem Untergrund wird man nicht um eine Aufschüttung des Geländes umhinkommen, um den Bau einer Grube zu ermöglichen.

Gruben-Abdeck-Platte

Die Gruben-Abdeck-Platte (cover slab oder squatting plate) ist ein sehr wichtiges Element, da sie es ist, die zum einen für eine dichten Gruben-Abschluß sorgen und zum anderen die Benutzer sowie die Aufbau-Konstruktion problemlos tragen muß.
Sie besteht entweder aus unbewehrtem Zement in der Stärke von mindestens 14 cm oder aber aus stabilen und verrottungsresistenten Holzprofilen, auf die eine SandZementschicht aufgebracht wird. Die Abdeck-Platte hat zwei bzw. drei Löcher, eines für die Exkrementabscheidung, eines für das Entlüftungsrohr und evtl. eine dritte, größere Öffnung zur Grubenentleerung. Es ist extrem wichtig, daß ersteres der Löcher an keiner Stelle seiner zumeist schlüsselloch- oder birnenförmigen Öffnung nicht weiter ist als maximal 20 80 cm ist, um nicht zur Falle für Kleinkinder zu werden. Gerade auch Kleinkinder müssen die Latrinen völlig gefahrlos alleine benutzen können. Die Abdeck-Platte sollte innerhalb des Latrinen-Häuschens ein Gefälle von ca. 5 % aus allen Ecken hin zum Abscheidungsloch haben, um Urin oder aber Reinigungswasser automatisch in die Grube abzuführen. Dies kann nachträglich mittels einer dünn aufgetragenen Zementschicht geschehen. In diese Zementschicht können auch die Fußstellungsflächen der Hock-Position eingearbeitet werden.

Entlüftungsrohr

Das Entlüftungsrohr kann aus praktisch allen Materialien gefertigt sein, die luftdicht und verrottungsresistent sind. Ob aus PVC, gemauert oder aus Bambus. Nicht gewählt werden sollten galvanisierte Metalle, die korrosionsgefährdet sind. Runde Rohr-Querschnitte haben immer den Vorteil eines besseren Luftdurchzuges.
Der Durchmesser des Rohres sollte bei PVC ca. 15 cm, bei anderen Materialien ca. 23 cm betragen, um die benötigte Ventilation von 20 m3 pro Stunde zu erreichen. Das Entlüftungsrohr muß an seinem unteren Ende fest in die Abdeck-Platte eingesetzt werden, so daß es dicht abschließt (am sichersten mit Zement) und an seinem oberen Ende mit einem Fliegengitter versehen werden. Es sollte in seiner Gesamthöhe ca. 2,5 m nicht unterschreiten.
Das Fliegengitter sollte eine Maschenweite haben, die 1,2 bis 1,5 mm nicht über- bzw. unterschreiten. Größere Maschenweiten erlauben Fliegen das ein- bzw. ausdringen, kleinere behindern eine gute Ventilation. Das Fliegengitter sollte unbedingt aus korissionsresistentem Material, wie z.B. rostfreiem Stahl sein. Kunststoffgitter haben sich nicht bewährt, da sie unter extremer Sonneneinstrahlung oft spröde werden oder aber durch Vögel zerstört werden können.

Latrinen-Häuschen

Neben den üblichen Schutzfunktionen wie Wind-, Regen- und Sonnenschutz sowie der Schaffung eines Sichtschutzes, muß ein Latrinen-Häuschen im Falle der ventilierten Gruben-Latrine noch zwei weitere Funktionen erfüllen: Es muß einen Dunkelraum über dem Abscheidungs-Loch schaffen und eine Luft-Kanalisation durch dieses Loch in die Grube und hinaus durch das Entlüftungsrohr ermöglichen. Solange eine Latrinen-Häuschen-Konstruktion diesen Dingen Beachtung schenkt ist die detaillierte Art seines Aufbaus nicht allzu festgelegt. Während in städtischeren Gegenden sicher eher Zement-Stein-Latrinen errichtet werden, sind dies in ländlicheren Regionen eher Ton-Ziegel-Typen. Es sollte bei der Materialwahl grundsätzlich Rücksicht auf örtliche Gewohnheiten genommen werde, um einerseits eine höhere Akzeptanz der Latrinen zu erreichen und zum anderen eventuell notwendig werdende Reparaturen einfacher zu ermöglichen.
Wichtig ist im Innern eine ausreichende Stehhöhe zu garantieren und das Dach (Material: von verzinktem Stahl bis zu Stroheindeckung) derart zu gestalten, daß Wasser nicht eindringen und schnell abfließen kann, auf der dem Eingang abgewandten Seite.
Die Eingangstür sollte sich nach außen öffnen lassen, um den ohnehin kleinen Innnenraum (zwischen 0,8 und 1,8 m2) nicht noch zu beeinträchtigen oder über die Bodenplatte zu schleifen etc. Es ist bei Türen darauf zu achten, daß sie - wenn sie
aus Holz sind - mitunter zum begehrten Rohstoff-Lager werden können. Sie müssen also sehr sicher und massiv befestigt werden. Es empfiehlt sich - um durch eine ständig geschlossene Tür die Funktionsweise der ventilierten Gruben-Latrine überhaupt erst zu ermöglichen, ein einfaches Gegengewicht über eine Seil-Ösen-Konstruktion so im Türrahmen anzubringen, daß dieses Gegengewicht die Tür immer wieder automatisch zuzieht. Der Schließmechanismus an der Innenseite der Tür sollte sehr einfach gewählt werden, um Kindern nicht zum Verhängnis zu werden. Der Schließmechanismus an der Außenseite der Tür kann - je nach Benutzerkreis - so gewählt werden, daß er nur einer bestimmten Gruppe, z.B. mittels Vorhängeschloß - den Zutritt ermöglicht. Eine „Labyrinth-Konstruktion“ aus Mauerwerk als Zugang zu türlosen Latrinen, hat immer wieder den Nachteil, daß sie Fliegen nicht immer völlig konsequent wird abhalten können, allerdings ist auch diese Konstruktion möglich, insoweit sie im Innern des Latrinen-Häuschens Dunkelheit garantiert.

Quelle : Ärzte ohne Grenzen

Quelle : Architekten ohne Grenzen